Der Anrufbeantworter blinkte. Mia drückte auf den Abspielknopf, zog ihre Jacke aus und hängte sie an die Garderobe. Jetzt wollte sie nur noch unter die Dusche, etwas essen und dann ins Bett. Der Tag war lang und mit Papierkram angefüllt gewesen. Es gab kaum etwas, das sie mehr hasste, als Formalitäten.

„Wir erwarten dich morgen um 20 Uhr zum Abendessen. Sei pünktlich!“ Es war die Stimme von Gudrun, Alex’ Mutter. Das war wieder einmal typisch. Mia wurde nicht gebeten oder gefragt, sie wurde herbeordert. Am liebsten hätte sie die Nachricht ignoriert, aber das ging nicht, denn die Wohnung, die Alex und sie gemeinsam nach der Hochzeit bezogen hatten, gehörte ihren Schwiegereltern. Irgendwann wollte Mia sich etwas anderes suchen, noch war sie aber nicht so weit.

Bestimmt ging es um die Miete. Mia hatte den Dauerauftrag unverändert weiterlaufen lassen, aber der Preis hatte einen großzügigen Familienrabatt enthalten, der nun wahrscheinlich hinfällig war. Gudrun und Herbert hatten Mia nie gemocht und sich nur widerwillig mit ihrer Ehe mit Alex abgefunden, warum sollten sie ihr weiter mit der Miete entgegenkommen?

Am nächsten Abend stand sie überpünktlich vor der Tür ihrer Schwiegereltern, Blumen für Gudrun und eine Flasche trockenen Spätburgunder für Herbert in der Hand. Zu diesen Geschenken hatte Alex ihr schon geraten, als er sie damals seinen Eltern vorgestellt hatte. Viel geholfen hatte es nicht, wenn überhaupt hatte sie damit vollkommene Ablehnung zu hochgradiger Skepsis abgemildert. Die Friedrichsens waren schon seit Generationen wohlhabende Immobilienbesitzer, Mia hingegen war ein einfaches Arbeiterkind und sah sich sofort dem Verdacht ausgesetzt, eine Goldgräberin zu sein. Das war Unsinn, sie legte Wert auf ihre Unabhängigkeit und hatte als Verkäuferin in einem Geschäft für Inneneinrichtung zwar kein Vermögen verdient, aber genug, um damit locker über die Runden zu kommen. Mehr hatte sie nicht gewollt, sie hatte sich sogar dagegen gesträubt, sich von Alex einladen zu lassen. Das hatte er auch seinen Eltern gesagt, allerdings ohne jeden Effekt auf deren Urteil über Mia. Sie witterten darin einen heuchlerischen Trick, um ihre wahren Absichten zu verschleiern und Alex in Sicherheit zu wiegen. Mia hatte nie eine Chance bei ihnen gehabt, nicht wirklich.

„Wie reizend von dir, Liebes“, sagte Gudrun, während sie Mia die Blumen abnahm. Niemand verstand es so gut wie sie, freundliche Worte wie Beleidigungen klingen zu lassen. „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“
„Ist ja nur eine Kleinigkeit.“ Die sehr wohl nötig war, mochte ihre Schwiegermutter noch so sehr das Gegenteil behaupten. Ohne Gastgeschenk aufzutauchen, wäre ihr bestimmt vorgeworfen worden, vielleicht nicht direkt, aber sicher in Form von Untertönen und spitzen Bemerkungen. Mia wollte sich nicht nachsagen lassen, dass sie nur an Alex’ Seite Manieren zeigen konnte.

Gudrun ging voraus ins Esszimmer, wo Herbert bereits wartete und Mia mit einem knappen Nicken begrüßte.
„Ich hatte leider keine Zeit zu kochen. Etwas Kaltes genügt dir aber sicher auch, nicht wahr, Liebes?“ Gudrun deutete auf das Brotkörbchen und den lieblos angerichteten Teller mit Käse, Schinken und Salami auf dem Tisch. Der Duft von Tomatensoße und Kräutern hing allerdings noch in der Luft, daher war sich Mia ziemlich sicher, dass die beiden schon gegessen hatten.
„Das genügt völlig. Schließlich habt ihr mich nicht wirklich eingeladen, weil ihr mit mir essen wollt, oder?“
Gudruns empörten Blick kannte sie zu gut. Mia wusste, dass sie eines der unzähligen ungeschriebenen Gesetze des Hauses gebrochen hatte, sie hatte aber nicht den Nerv dafür, das eigentliche Thema gefühlte Stunden zu umkreisen und heuchlerische Höflichkeitsfloskeln auszutauschen, wie es von ihr erwartet wurde.
„Ich verstehe wirklich nicht, was Alex an dir gefunden hat“, sagte Gudrun spitz. „Aber gut, wenn du keinen Wert auf Höflichkeiten legst, umso besser, damit sparen wir eine Menge Zeit, nicht wahr, Herbert?“
Ihr Mann nickte nur, so wie er es meistens tat. Das Reden überließ er nur zu gerne seiner Frau, die es ebenso gerne übernahm.
„Ist es wegen der Miete?“, fragte Mia direkt. „Sagt mir einfach, was ihr künftig haben wollt, dann passe ich den Dauerauftrag entsprechend an.“
„Das hättest du schon längst tun können. Wir hätten erwartet, dass du deshalb auf uns zukommst.“
„Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht.“
„Natürlich nicht, wieso solltest du auch.“
Die Herablassung in Gudruns Stimme brachte Mia an den Rand einer Explosion, sie konnte sich aber gerade noch beherrschen und seufzte stattdessen nur. „Können wir das bitte lassen und einfach auf den Punkt kommen?“
„Wie du willst.“ Gudrun sah zu Herbert, der erneut nur nickte, und wandte sich wieder Mia zu. „Wir wollen, dass du ausziehst. Ende des Monats, spätestens.“
Das saß. „Ende des Monats? Das sind nicht einmal mehr zwei Wochen!“
„Wo ist das Problem? Immerhin hat dir Alex ein übertrieben großzügiges Geschenk gemacht, an Wohnraum dürfte somit kein Mangel bestehen.“
Mia schluckte. Sie durfte jetzt nicht ausfallend werden, wenn sie nicht wollte, dass die Situation eskalierte. „Trotzdem ist es sehr kurzfristig“, entgegnete sie so ruhig wie möglich. „Ich bezweifle sehr, dass ihr das Recht habt, das von mir zu verlangen.“
„Vielleicht nicht.“ Gudrun sah sie frostig an. „Aber an deiner Stelle würde ich mir gut überlegen, ob du es deshalb auf einen Streit ankommen lassen willst. Herbert, sag doch auch mal was.“
„Wir haben Kontakte“, brummte er.
„Ganz genau, wir haben Kontakte, und es wäre nicht gerade gut für dein neues Geschäft, wenn wir sie spielen lassen, du verstehst …“
Mia verstand genau. Wenn die beiden wollten, konnten sie den Ruf des Schiller 37 so sehr schädigen, dass es enorm schwer werden würde, ausreichend Mieter zu finden. Niemanden interessierte die Wahrheit, wenn die Lüge aus einem weitaus angeseheneren Munde kam. Damit ging Gudrun endgültig zu weit.
„Alex würde sich im Grab umdrehen, wenn er dich jetzt hören könnte!“ Mia wurde lauter, schaffte es aber gerade noch, nicht zu schreien. „Du solltest dich schämen!“
„Lass unseren Sohn aus dem Spiel!“ Gudrun verschränkte die Arme demonstrativ vor der Brust.
Mia schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Er hat mir das Schiller 37 geschenkt, das macht es zu seinem Vermächtnis. Wenn ihr es mit Dreck bewerfen wollt, um mir zu schaden, trefft ihr auch ihn. Bist du sicher, dass du so tief sinken willst?“
Gudrun starrte Mia feindselig an. Es dauerte einige Sekunden, bis sie ihre Sprache wiederfand. „Und wenn schon, wir werden andere Wege finden. Und jetzt verlass sofort mein Haus!“
„Mit dem größten Vergnügen.“

Mia zwang sich, die Schritte zur Tür langsam und erhobenen Hauptes zu gehen. Die beiden sollten nicht sehen, wie aufgewühlt sie war, vor allem Gudrun nicht. Immer, wenn Mia glaubte, diese Frau könnte nicht noch gemeiner werden, wurde sie überrascht. Sie war es nicht wert, ihr mehr Aufmerksamkeit als nötig zu widmen. Sollte Gudrun doch ihren Willen haben, dann war Mia sie wenigstens los. Das Schiller 37 war fertig, in ein paar Tagen würde sie die Apartments zur Buchung freigeben – alle, bis auf eines. Die Nummer Sieben gehörte von jetzt an Mia, sie würde die erste Bewohnerin des Schiller 37 sein.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner