Hendrik griff zum dritten Mal nach dem Brief, der auf dem Esstisch lag, las ihn durch und legte ihn wieder zurück. Seltsam, wie das Leben einen manchmal zu Entscheidungen drängte, die man schon viel zu lange vor sich herschob. Er war nicht mehr zufrieden mit seiner Situation, aber auch nicht unglücklich genug, um vom Grübeln ins Handeln zu kommen. Jetzt war er dazu gezwungen, das war befreiend und beunruhigend zugleich.

Die Wohnungstür fiel krachend ins Schloss. Was war verdammt noch mal so schwer daran, sie leise zu schließen? Für sich genommen war das unbedeutend, aber es gab unzählige solcher Kleinigkeiten, die sich zu einem stetig wachsenden Klumpen aus unterdrücktem Groll in Hendriks Magengrube zusammenballten. Natürlich hatte er angesprochen, was ihn störte, aber es hatte nicht viel gebracht. Wenn die Gespräche mit Adrian einen Effekt hatten, dann hielt er nicht lange an, vielleicht ein bis zwei Wochen, bestenfalls mal einen ganzen Monat.

„Hey, Bro, alles gut?“ Adrian ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche Bier heraus. „Auch eins?“
Hendrik nickte. „Gerne, das kann ich jetzt gebrauchen.“
„Warum, ist was passiert?“ Adrian öffnete beide Flaschen mit seinem Feuerzeug und setzte sich Hendrik gegenüber an den Tisch. „Schieß los, Bro, ich bin ganz Ohr.“
„Wir müssen ausziehen.“
Adrian verschluckte sich an seinem Bier und hustete. „Verarsch mich nicht, Bro.“
„Würde ich nie tun.“ Hendrik schob den Brief in Adrians Richtung. „Herr Schmidt braucht die Wohnung dringend für seine Tochter, die sich von ihrem Mann getrennt hat. Bei ihnen im Haus ist kein Platz, daher kündigt er uns wegen Eigenbedarf. In gut drei Monaten müssen wir spätestens raus sein.“
„Schöne Scheiße.“
„Kann man so sagen.“
Das letzte Mal hatten sie beide über ein halbes Jahr nach bezahlbaren Single-Wohnungen gesucht und nichts als Absagen kassiert. Dann hatte Hendriks Kollege ihm angeboten, seine Dreiraumwohnung als Nachmieter zu übernehmen. Für ihn alleine wäre die Miete nicht zu stemmen gewesen, gemeinsam mit Adrian konnte er sie sich leisten, also hatten sie eine WG gegründet. Entsprechend frustrierend war die Aussicht, erneut auf Wohnungssuche gehen zu müssen.

„Wir suchen uns wieder was zusammen, oder?“
Vor dieser Frage graute es Hendrik schon, seit er den Brief das erste Mal gelesen hatte. Er liebte seinen Bruder, aber es fiel ihm deutlich leichter, ihn zu lieben, wenn sie nicht in der gleichen Wohnung lebten. Er hatte genug von Haaren im Waschbecken, stehen gebliebenem Abwasch und lauten Schlafzimmergeräuschen.
„Also, ich dachte“, begann er.
„Ja?“ Adrian sah ihn erwartungsvoll an.
„Ich meine nur, ich würde gerne …“
„Das ist ein Nein, oder?“
Hendrik nickte.
„Warum sagst du das dann nicht einfach, verdammt nochmal? Glaubst du, diese Herumdruckserei macht irgendwas besser?“ Adrian trank einen Schluck, stellte die Flasche so heftig auf dem Tisch ab, dass sie überschäumte und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich dachte, es ist alles cool zwischen uns.“
„Ist es auch, meistens, aber wir hatten das Thema schon so oft.“ Hendrik deutete auf die Bierlache. „Das hier ist das beste Beispiel.“
„Oh, Entschuldigung.“ Adrians Stimme triefte vor Sarkasmus. „Ich dachte, miteinander zu reden wäre wichtiger, als zu putzen, aber was weiß ich schon.“ Er stand auf, knüllte die halbe Küchenrolle zusammen und wischte damit halbherzig über den Tisch. „Zufrieden, Meister Proper?“

Hendrik biss sich auf die Zunge. Er wollte nicht streiten, das konnte nicht gut ausgehen.
„Tut mir leid“, lenkte er ein. „Es ist nur … Du weißt doch, dass das mit der WG eher eine Notlösung war. Manche sind dafür geschaffen, andere eher nicht. Ich gehöre zur zweiten Gruppe. Ist nichts gegen dich, ich bin wohl einfach kein WG-Mensch.“
„Diplomatisch wie immer.“ Adrian seufzte übertrieben. „Du machst es einem echt schwer, böse auf dich zu sein.“
„Das hoffe ich doch.“
„Aber ernsthaft, Bro, das mit der Wohnungssuche wird echt ein Problem. Schau dir Chris an, der sucht schon seit acht Monaten und findet nichts. Nele geht es bei der WG-Suche kaum besser. Wird verdammt hart, so schnell was zu finden.“
„Ich weiß.“ Hendrik griff nach seinem Handy und rief ein großes Immobilienportal auf. „Gibt echt nicht viel und noch weniger, das nicht entweder überteuert oder abbruchreif ist.“ Er scrollte weiter und blieb an der Anzeige eines neuen Apartmenthauses hängen. „Wäre das nicht eine Option?“
Adrian überflog den Text des Inserats. „Das ist aber nichts auf Dauer.“
„Nein, aber von dort aus können wir in aller Ruhe weitersuchen, ohne den Auszugstermin im Nacken.“
„Klingt nach ner Lösung.“
„Und sieht auch nach einer aus.“
„Na dann ist ja alles bestens.“ Ein Hauch von Spott lag in Adrians Stimme, allerdings schwächer als zuvor.
„Adrian …“ Weiter wusste Hendrik nicht. Sollte er sich dafür entschuldigen, dass er alleine leben wollte? War er seinem Bruder überhaupt Rechenschaft schuldig? Adrian konnte doch nicht erwarten, dass sie bis ins Rentenalter zusammenwohnten.
„Ach, egal.“ Adrian hob seine Bierflasche und hielt sie Hendrik zum Anstoßen hin – seine Version der Friedenspfeife. „Prost, Bro.“

Also stießen sie an, Hendrik mit mühsam unterdrückter Erleichterung, Adrian mit unübersehbarer Enttäuschung im Blick. Noch hatte die Brüder-WG für wenige Wochen Bestand, aber Hendrik spürte, dass sie sich bereits verändert hatte. Hoffentlich würde seine Entscheidung nicht nachhaltig das gute Verhältnis zwischen ihnen stören. Hendrik wollte es unbedingt retten, gerade deshalb konnte er nicht länger mit Adrian zusammenleben.

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