Doreen gab den Begriff „Hexenhaus“ in die Bildersuche ein und scrollte durch die Ergebnisse. Von den Fotos und Zeichnungen erhoffte sie sich Inspiration für ihren neuen Roman. Sie übernahm die Darstellungen nie direkt, aber die Bilder halfen ihr dabei, eigene Visionen vor ihrem inneren Auge entstehen zu lassen. Heute blieb es jedoch blind, es hob noch nicht einmal träge das Lid.

Das Schreiben fiel ihr derzeit schwer. Sonst war ihr Kopf seit Jahren immer voll von Geschichten gewesen, jetzt machte sich dort eine beunruhigende, fast schon bedrohliche Leere breit. Fand sie doch einmal einen Anfang, war jedes Wort ein Kampf. Ihre Sätze wirkten ungelenk und führten sie bestenfalls in eine Sackgasse, meist nicht einmal dorthin.

Nachdem Doreen stundenlang eine unbeschriebene Seite angestarrt hatte, die mit jeder Minute noch leerer zu werden schien, hatte sie aufgegeben und sich einer anderen Form der Ideenfindung zugewandt – mit ebenso zweifelhaftem, oder besser gesagt nicht existentem Erfolg. Ihr Druck auf das Scrollrad wurde stärker, als könnte sie ihre Kreativität mit Körperkraft dazu zwingen, aus ihrem Tiefschlaf zu erwachen. Seite um Seite sah sie sich die verschiedensten Häuser an, gemalte und fotografierte, gruselige und idyllische, aber nichts davon löste irgendetwas in ihr aus.

Aber Moment, war das nicht …? Doreen scrollte zurück. Ja, das war es, das alte „Hexenhaus“, da war sie sicher. Beinahe hätte sie es übersehen, da sie die einzelnen Bilder kaum noch wahrnahm. Weitermachen sollte sie trotzdem. Doreen war noch nicht bereit aufzugeben und sich einzugestehen, dass dies wieder einer der verhassten Tage war, an denen sie nichts zustande brachte. Das Foto dieses vertrauten Hauses war ein Zeichen, ganz gewiss. Dort lagen die Wurzeln all der Welten, die sie im Lauf der letzten Jahre erschaffen hatte und die ihr inzwischen ihren Lebensunterhalt sicherten.

Sie folgte der Spur des Bildes zu seinem Ursprung, der schmucklos-schlichten Website eines Immobilienmaklers. Darauf wirkte es deplatziert, wie ein Fremdkörper. Jeder Winkel des schiefen blauen Hauses mit den dunklen Fachwerkbalken strahlte Magie aus, der Rest der Seite bestand aus nüchterner Professionalität. Entsprechend hohl klangen die Beschreibungsfloskeln wie „charmantes Liebhaberobjekt mit Potential“. Doreen sprach zwar nicht fließend Maklerdeutsch, konnte sich beim Überfliegen der wohlklingenden Worte aber ausmalen, was sie im Klartext bedeuteten: Hinter der schnuckeligen Fassade verbarg sich eine Bruchbude, in die man mindestens so viel Geld stecken musste, wie sie kostete. Trotzdem war ihr sofort klar, dass sie dieses Haus haben musste. Das war impulsiv, unvernünftig und verrückt – und es war die richtige Entscheidung.

Doreen dachte zurück an ihre Kindheit, in der sie nur wenige Meter von dem windschiefen Häuschen entfernt gelebt hatte. Den Namen der Bewohnerin hatte sie vergessen, erinnerte sich aber noch genau an deren zerzauste Hochsteckfrisur, ihr von Silberfäden durchzogenes schwarzes Haar und die stets etwas zu groß wirkenden grauschwarzen Kleider. Als wäre das nicht genug gewesen, hatte die alte Frau auch noch einen schwarzen Kater besessen. Sie schien geradewegs einem der Märchen entsprungen zu sein, die Doreens Vater ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Oft rätselte sie stundenlang, ob es sich wohl um eine gute oder eine böse Hexe handeln mochte. Das war schwer einzuschätzen, denn die Alte konnte ebenso freundlich lächeln wie finster dreinschauen. Wirklich schlau wurde niemand aus ihr, aber alle redeten über sie, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand.

Nur Doreen hatte nicht geredet, sie hatte zugehört und aus den Gesprächsfäden ihre eigenen Geschichten gesponnen, erst nur in Gedanken, dann auch auf Papier. Mal machte sie die Frau zu einer Kräuterhexe oder guten Fee, mal zu einem Monster, das die Kinder das Fürchten lehrte. Die meisten dieser frühen Werke hatte sie nur für sich geschrieben, manche auch engen Freundinnen vorgelesen, das Licht der Öffentlichkeit erblickten sie jedoch nie. Dennoch sah Doreen darin die Wurzel ihres Schreibens, denn dieses Haus und ihre Bewohnerin waren ihre erste Inspiration gewesen. Seither hatte sie nie wieder aufgehört, Geschichten zu erzählen. Inzwischen war sie eine etablierte Fantasy-Autorin und hatte sich eine ansehnliche Fangemeinde aufgebaut, die schon sehnsüchtig auf ihr neues Buch wartete.

Dumm nur, dass Doreen gerade mitten in einer Krise steckte. Sie hatte zwar Ideen, aber keine davon erschien ihr gut genug, um eine Geschichte von mehreren hundert Seiten zu tragen. 
Vielleicht brauchte sie einen Tapetenwechsel. Deshalb ein altes, baufälliges Haus zu kaufen war Unsinn, aber das war nicht der einzige Grund. Doreen fand den Gedanken unerträglich, dass ein anderer Käufer das Gebäude zerstören könnte. Sie sah die Abrissbirne vor sich, Bagger und einen Berg aus Bauschutt und Staub, wo einst das zauberhafte Hexenhäuschen gestanden hatte. Das Abrissunternehmen verwandelte sich in ihrem Kopf in dunkle Mächte, die einen der letzten von guter Magie durchdrungenen Plätze einer fantastischen Welt zerstören und mit Finsternis überziehen wollten. Ob sich aus dieser Idee etwas machen ließ? Später vielleicht, jetzt hatte sie Wichtigeres zu tun: Doreen musste den Ort retten, an dem ihre Fantasie das Fliegen gelernt hatte.

Wenige Stunden später saß sie bereits im Zug. Laut Aussage des Maklers am Telefon gab es bisher keine anderen Interessenten, Doreens Chancen standen also gut. Sie hatte ohnehin schon länger über einen Umzug nachgedacht, warum also nicht zurück in ihre alte Heimat ziehen? Natürlich würde es dauern, bis das „Hexenhaus“ bewohnbar war, aber auch dafür hatte sie eine Lösung. Ein eben erst eröffnetes Apartmenthaus hatte noch ausreichend Wohnungen frei, dort konnte sie unterkommen, bis die Renovierungen abgeschlossen waren.

Noch während der Fahrt malte Doreen sich aus, wie sie das Haus gestalten wollte. Die Fotos auf der Maklerwebsite vermittelten nur einen groben Eindruck, doch dieser genügte, um detailreiche Bilder entstehen zu lassen. Doreen wusste genau, wo ihr Schreibtisch stehen sollte und welche Nische der perfekte Platz für ihren alten Ohrensessel war, in dem sie ihre Gedanken am liebsten schweifen ließ. Sie konnte die Sonnenstrahlen sehen, die durch die kleinen Fenster ins Innere schienen. Der Vorgarten würde voller wilder Blumen sein und auf der Gartenmauer sollte eine schwarze Katze sitzen. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie es sich dort in einem Schaukelstuhl gemütlich machen würde, ein Tischchen mit Tee und Keksen neben sich und ein in Leder gebundenes Notizbuch in der Hand. Wenn sie irgendwo zu ihrer alten Form zurückfinden konnte, dann dort.

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