Mia schloss die Tür des Schiller 37 auf, kramte ihr Handy aus der Tasche und sah auf die Uhr. Sie hatte noch eine gute halbe Stunde, bis ihr potentieller Käufer kam – Zeit genug, um sich das beinahe fertige Apartmenthaus noch einmal alleine anzusehen. Vereinzelt fehlten Möbel und manche Räume brauchten noch etwas Feinschliff, der größte Teil der Arbeit war jedoch getan. Nur noch wenige Wochen, dann konnte die Vermietung beginnen.

Während sie durch das Gebäude ging, ließ Mia die letzten Wochen Revue passieren. Sie dachte an die endlos scheinenden Tage und Nächte, in denen sie versucht hatte, Alex’ Perspektive einzunehmen, damit sein Einfluss in den Räumen mindestens so präsent war wie ihr eigener. Unzählige Entwürfe hatte sie erstellt und wieder verworfen. Je verzweifelter sie versuchte, die Räume nicht nur durch ihre, sondern auch durch seine Augen zu sehen, umso weniger gelang es ihr. Bei der Arbeit mit Alex hatten seine und ihre Ideen einander beflügelt, auch wenn sie anfangs in unterschiedliche Richtungen geflogen waren. Mias Liebe zu Industriedesign und Alex’ Faible für Flohmarktcharme schienen auf den ersten Blick unvereinbar, doch sie hatten die scheinbaren Gegensätze miteinander in Einklang gebracht.

Ohne ihn fehlte Mias Konzepten die innere Harmonie. Sie wirkten wie ein Antiquitätenladen mit Neonröhren an der Decke oder als hätte jemand wahllos Trödel in einer Fabrikhalle verteilt. Jeder Versuch, ihren gemeinsamen Stilmix alleine nachzuahmen, geriet kläglicher als der vorige. Sie wühlte sich durch die Bilder ihrer früheren Arbeiten, suchte verzweifelt nach einem Funken Inspiration – vergeblich. Es musste doch einen Weg geben, irgendwie …

„Auch wenn wir jetzt ein Wir sind, bleibst du trotzdem auch ein Du.“ Diese Worte aus Alex’ Eheversprechen waren irgendwann in Mias Gedanken aufgeblitzt und hatten sie ins Grübeln gebracht. Vielleicht lag darin das Problem: Sie versuchte zu sehr, ein Wir zu sein. Wie viele Ideen hatte sie im Keim erstickt, weil ihr zu wenig von Alex darin gewesen war? Viel zu krampfhaft hatte sie versucht, alles so aussehen zu lassen wie bei ihren gemeinsamen Projekten. Sie hatte die Wahl: Entweder sie gab sich mit einer schlechten Kopie dessen zufrieden, zu dem sie beide als Team fähig gewesen waren, oder sie erlaubte sich, ihren eigenen Stil auszuleben. Nur dann konnte sie wirklich gut sein, das wusste sie, und war es nicht genau das, was Alex für sie gewollt hatte? 
Zeige der Welt da draußen, was Du drauf hast! Das hatte er geschrieben und das würde sie tun, für ihn und auch für sich.

Mia beschnitt ihre Ideen nicht länger, sondern ließ sie frei fließen, während im Hinterkopf immer wieder Alex’ Worte erklangen. Sie öffnete ihre Inneneinrichtungs-Software und gestaltete ein Raumkonzept nach dem anderen, ohne sich irgendwelche Grenzen aufzuerlegen. Mit den ersten Versuchen war sie nicht zufrieden, aber sie waren besser als alles, was sie in den Tagen davor zustande gebracht hatte. Die Stunden zogen sich nicht mehr quälend in die Länge, sondern schienen im Zeitraffer zu vergehen. Mia merkte nicht einmal, dass die Dämmerung einsetzte und schließlich der Dunkelheit wich, so vertieft war sie in ihre Arbeit.

Schließlich lehnte sie sich zurück und lächelte zufrieden. Das Konzept für die Gemeinschaftsbereiche des Apartmenthauses stand. Die Einrichtung sollte von der Form her modern mit klaren Linien, aber aus Altholz gefertigt sein. Außerdem hatte sie online einige großartige Vintage-Industriemöbel gefunden, die perfekt zu ihren Plänen passten. Ein mit einem Kurbelrad versehener höhenverstellbarer Eisentisch mit Holzplatte hatte es ihr besonders angetan, er sollte das Highlight in der Gemeinschaftslounge des neuen Apartmenthauses sein. Raum um Raum nahm das Schiller 37 Gestalt an, erst nur in ihren Gedanken, dann auf dem Computer und schließlich auch in der Realität.

Das Ergebnis vor sich zu sehen durchflutete Mia mit einer Spur der Euphorie, die sie früher beim Abschluss eines Projektes empfunden hatte. Das Gefühl war noch gedämpft, aber es war da. Während sie umherging und mit den Fingerspitzen über die Wände und Möbelstücke fuhr, wurde ihr bewusst, wie viel von Alex in diesem Gebäude steckte, gerade weil sie es nicht erzwungen hatte. Sein Einfluss verschmolz deutlicher und harmonischer mit ihrer Handschrift als in allen Entwürfen, bei denen sie krampfhaft versucht hatte, sich an ihr typisches gemeinsames Design zu klammern. Das Schiller 37 war anders als alles, was sie zusammen gestaltet hatten, und verband trotzdem ihre beiden Stile, nur auf eine neue Art und Weise. Das hier war etwas Besonderes.

Mia ging nach draußen, um auf ihren Kaufinteressenten zu warten. Als sie ihn auf das Gebäude zukommen sah, ging sie ihm entgegen.„Es tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe. Ich habe mich gerade entschieden, nicht zu verkaufen.“
„Wollen Sie mir das Objekt nicht erst zeigen und mein Angebot abwarten? Ich bin sicher, dass es Ihre Erwartungen deutlich übertreffen wird.“
„Das spielt keine Rolle“, erwiderte Mia entschlossen. „Das Schiller 37 steht nicht zum Verkauf.“

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