Während draußen die letzten Blätter von den Bäumen fallen, sitze ich mit einer Tasse Tee an meinen Schreibtisch und lasse die vergangenen Wochen Revue passieren. Das werde ich ab sofort jeden Monat tun und meine Gedanken dazu in der neuen Rubrik „Lebensmonate“ teilen. Wie schon in der Artikelserie „Kleines Glück“ liegt der Fokus auf dem Mikrokosmos meines alltäglichen Lebens, insbesondere auf den Büchern, Filmen, Serien, Theaterbesuchen und sonstigen Unternehmungen, mit denen ich meine Freizeit verbracht habe. Auch persönliche Gedanken und Erfahrungen finden hier ihren Platz.

Inhaltsverzeichnis

Leben: Das Gefühl einer neuen Stadt

Der November war der erste Monat, in dem ich durchgehend in meinem neuen Apartment in Heilbronn gelebt habe. War der Oktober noch vom Umzug, dem Abschied von Ostfildern, der Erleichterung über das Ende des WG-Lebens und dem Ankommen in einer neuen Stadt geprägt, kehrte im vergangenen Monat Ruhe und Routine ein, und zwar im besten Sinne. Ich habe meine Einkaufsorte und täglichen Spazierrouten gefunden und der Reiz des Neuen ist langsam, aber stetig einem Gefühl des Zuhauseseins gewichen. Das bestätigt mich darin, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ich liebe die Überschaubarkeit der Stadt, die mir trotzdem alles bietet, was mir wichtig ist: Schöne Parkanlagen, eine gute Anbindung und kulturelle Angebote. Die Wege sind kurz, alles konzentriert sich aufs Zentrum. Daher brauche ich die Busse und Straßenbahnen so gut wie nie, freue mich aber trotzdem, dass sie da sind, fast direkt vor der Haustür und mit guter Taktung.

Noch wäre es verfrüht zu sagen, dass ich auf jeden Fall hier bleiben werde, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Heilbronn die Stadt ist, in der ich Wurzeln schlagen möchte. Von allen Orten, an denen ich bisher gelebt habe, gefällt es mir hier am besten.

Bühne: Theaterfrühstück, „Die Tür nebenan“ und „Romeo und Julia“

Ich liebe ein gutes Frühstück und ich liebe das Theater. Die Aussicht darauf, beides miteinander verbinden zu können, ließ mein Herz sogleich höher schlagen – so hoch, dass es kurzzeitig das Gehirn blockierte, denn mir fiel erst nach der Buchung des Theaterfrühstücks auf, dass ich zu dem Zeitpunkt eigentlich noch auf dem Rückweg von einem Arbeitstreffen einige Stunden von Heilbronn entfernt sein sollte. Das Problem war aber letztlich keins, flexiblen Umbuchungsmöglichkeiten auf eine frühere Rückfahrt sei Dank.

Nachdem ich noch etwas verschlafen am umfangreichen Frühstücksbuffet Schlange gestanden, meinen Platz eingenommen, geschlemmt und nett mit meinen Tischnachbarn geplaudert hatte, gab es Kostproben aus drei Stücken: Los ging es mit einem Song aus dem Musical „High Society“ von Cole Porter und Arthur Kopit. Die Eintrittskarte dafür hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon gekauft, der kurze Einblick konnte die Vorfreude aber nochmals deutlich steigern.

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Es folgte mein persönliches Highlight: Eine Szene aus dem Zweipersonenstück „Die Tür nebenan“ von Fabrice Roger-Lacan. Die Beschreibung hat mich nicht sonderlich gereizt: Zwei Nachbarn, die sich nicht ausstehen können und außer dass sie beide Single sind absolut nichts miteinander gemeinsam haben. Entsprechend soll der Partner, bzw. die Partnerin natürlich das pure Gegenteil von der Person hinter der gegenüberliegenden Tür sein.

Das klang erst einmal nicht nach etwas, das ich unbedingt sehen will – bis ich Oliver Firit und Judith Lilly Raab auf der Bühne gesehen habe. Das Wortgefecht zwischen den beiden war köstlich, ich habe lange nicht mehr so sehr gelacht. Entsprechend habe ich mir gleich nach dem Frühstück ein Ticket gekauft. Das Stück war dann genauso witzig wie erwartet und erhofft – kurzweilig, bissig, im besten Sinne absurd und ein Riesenspaß.

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Den Abschluss des Theaterfrühstücks bildete seine Szene aus „Bin nebenan“ von Ingrid Lausund, die sich u.a. als Drehbuchautorin der Serie „Der Tatortreiniger“ einen Namen machen konnte. Der kleine Auszug aus dem aus mehreren Monologen bestehenden Stück hat mir zwar gefallen, aber nicht genug, um mich zum Ticketkauf zu animieren.

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Anfang November stand zudem einer der berühmtesten Klassiker überhaupt auf dem Programm: „Romeo und Julia“ von William Shakespeare. Das Bühnenbild ist außergewöhnlich, denn alles spielt sich vor der Kulisse eines heruntergekommenen Schwimmbads ab.

So modern die Inszenierung optisch daherkommt, so sehr bleibt sie doch dem Geist des Stückes treu, in dem sich alles um die namensgebenden Liebenden dreht, die aus verfeindeten Familien stammen und einander dennoch hoffnungslos verfallen – bis zum bitteren Ende. Änderungen gab es zwar, aber diese betrafen nie den Kern der Tragödie. Dafür bin ich sehr dankbar, denn ich habe auch schon Theaterabende erlebt, an denen das Werk bis zur Unkenntlichkeit verfremdet war, damit kann ich wenig anfangen. Es darf für meinen Geschmack gerne modern und innovativ sein, trotzdem hat jede Vorlage eine Seele, die ich in der Bühnenversion wiedererkennen möchte. Hier ist das sehr gut gelungen.

Außerdem hat diese Version etwas geschafft, das ich sonst bei „Romeo und Julia“ nicht so empfinde: Ich habe am Ende tatsächlich ein wenig mit Graf Paris gelitten, obwohl ich ihn vorher nicht sonderlich sympathisch fand. Als er Julia die selbst gefalteten Papierblumen in die Hände legte, hatte ich das erste Mal bei einer Inszenierung des Stücks das Gefühl, dass er sie tatsächlich geliebt hat – umso tragischer erscheint sein Anteil an ihrem Tod.

Unternehmungen: Experimenta – Wissenschaft auf die spaßige Art

Als Kind erschienen mir Naturwissenschaften und Technik furchtbar langweilig, inzwischen finde ich sie hochinteressant, habe nur leider viel Nachholbedarf, was meinen Wissensstand angeht. Umso schöner ist es, mit der Experimenta ein wunderbares Science Center in nächster Nähe zu haben. Es handelt sich um ein Mitmachmuseum mit unzähligen Stationen, die verschiedenen Themen zugeordnet sind.

Alles an einem Tag zu schaffen, ist fast unmöglich. Bei meinem ersten Besuch war ich über 5 Stunden dort und habe sie nur in den Ausstellungen „StoffWechsel“ und „KopfSachen“ sowie der aktuellen Sonderausstellung „Geschmacksfragen“ verbracht. Das Forscherland und der Bereich „WeltBlick“ stehen noch aus, die nehme ich mir bei einem meiner nächsten Besuche vor, denn ich habe mir direkt eine Jahreskarte gekauft.

An allen Ecken und Enden gibt es etwas zu erleben. So habe ich zum Beispiel erfahren, was die chemischen Elemente in meinem Körper wert sind oder dass meine Entscheidungen bei Geschmacksfragen zeigen, dass ich zu 60 Prozent Empathikerin und zu 40 Prozent Systematikerin bin. Ich habe getanzt, eine Filmszene auf Südfränkisch synchronisiert, meine Einschätzung anderer Personen auf den Prüfstand gestellt, meine Multitasking-Fähigkeiten getestet (und dabei erwartungsgemäß versagt) und festgestellt, wie schwer es als Mensch ist, Dinge tatsächlich zufällig anzuordnen, ohne dass der Computer das Muster dahinter erkennt. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was ich an einem Tag dort unternommen habe, aber alles zu erzählen würde den Rahmen sprengen.

Übrigens bekommt man ein Armband, das zugleich als digitaler Rucksack fungiert. Wer sich einen Account erstellt, kann darin die in der Experimenta erstellten Bilder und Videos speichern und zu Hause in aller Ruhe noch einmal anschauen. Eine tolle Sache! Überhaupt hat mich das Science Center sehr begeistert, genau das Richtige für Menschen mit Spieltrieb wie mich.

Medien: Ganz viel Mittelmaß – und dann kam „Wednesday“

Eine kleine Anmerkung vorab: Ich werde hier keinen vollständigen Überblick über alle Bücher, Filme und Serien geben, mit denen ich mich im Lauf des Monats beschäftigt habe. Darüber zu schreiben, was ich alles als so lala empfunden habe, langweilt mich und euch wahrscheinlich auch, daher beschränke ich mich hier auf die Medien, die mich entweder begeistert oder anderweitig ein Mitteilungsbedürfnis in mir ausgelöst haben.

Bücher: „Gestohlene Erinnerung“

Hier ist Monat schnell abgehakt, denn beim Lesen bin ich auf einer Welle des Mittelmaßes geschwommen. Es waren keine Flops dabei, aber auch keine Highlights. Trotzdem möchte ich zumindest das beste Buch im November nennen: „Gestohlene Erinnerung“ von Blake Crouch. Darin geht es um eine Technologie, die es ermöglicht, Erinnerungen zu manipulieren – mit fatalen, mitunter tödlichen Auswirkungen. Das Buch war spannend und unterhaltsam, allerdings ist mir nicht viel davon in Erinnerung geblieben, was immer ein Zeichen dafür ist, dass mich ein Werk nicht nachdrücklich beeindrucken konnte. Trotzdem habe ich es gerne gelesen und würde es auch weiterempfehlen.

Filme: „Verwünscht nochmal“

Im November habe ich nur wenige Filme geschaut und die meisten davon schon wieder vergessen. Erwähnenswert finde ich hier nur „Verwünscht nochmal“, die späte Fortsetzung des Disney-Films „Verwünscht“, den ich sehr gerne mag. Große Erwartungen hatte ich nicht, dazu habe ich schon zu viele Fortsetzungen gesehen, fand den Film dann aber unterhaltsamer als gedacht. Die kleine Morgan ist inzwischen ein Teenager und alles andere als glücklich über den Umzug in die Vorstadt.

Als Giselle sich mit Hilfe eines Zauberstabs wünscht, die Welt möge doch wie im Märchen sein, erscheint zunächst alles perfekt. Morgan zickt nicht mehr, sondern läuft fröhlich singend durch die Gegend und alles wirkt ganz und gar zauberhaft, jedoch nur für kurze Zeit. Bald muss Giselle feststellen, dass sie dabei ist, sich in eine böse Stiefmutter zu verwandeln, und nicht nur das, ihr Zauber bringt auch ihre Heimat Andalasien in Gefahr.

Die abgesehen von Morgan unveränderte Besetzung trägt zu einem hohen Nostalgiefaktor bei und auch ansonsten konnte mich „Verwünscht nochmal“ überzeugen. Es ist vielleicht kein großer Wurf, aber durchaus ein unterhaltsames Märchen mit einer schönen Portion Musical-Vibes.

Serien: „The Crown“, „The Good Doctor“ und „Wednesday“

Auch hier fing der Monat verhalten an. In letzter Zeit tue ich mich schwer damit, etwas zu finden, das mich wirklich begeistert. Selbst die lange erwartete 5. Staffel von „The Crown“ fand ich nicht halb so gut, wie ich es erhofft hatte. Das liegt ausdrücklich nicht an Imelda Staunton, zu deren Darstellung der Queen ich einige negative Kommentare aufgeschnappt habe. Für mich passt sie gut in die Rolle, trotzdem fand ich die neueste Staffel der Serie rund um das britische Königshaus eher langatmig als spannend.

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Einen kleinen Lichtblick brachte der Auftakt der 6. Staffel von „The Good Doctor“ auf WOW, ehemals Sky Ticket. Mit dem Streamingdienst verbinde ich eine Art Hassliebe: Ich mag weder den Aufbau der Website noch die Tatsache, dass ich hier einen zusätzlichen Player installieren muss, trotzdem verführen mich die Inhalte immer wieder zu einem Abo. Die Serie rund um den autistischen Chirurg Dr. Shaun Murphy gehört zu meinen absoluten Lieblingen und hält weiterhin das hohe Niveau, allerdings gibt es nur eine Folge pro Woche, daher war es nur ein kurzes Vergnügen.

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Ich hatte den Serienmonat schon beinahe abgeschrieben, doch dann kam „Wednesday“! Nach der Ankündigung hatte ich meine Vorfreude bewusst gedämpft. Es gab zu viele Enttäuschungen in letzter Zeit, also besser die Messlatte niedrig setzen … Das wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn die Serie über die Tochter der berühmt-berüchtigten Addams Family hat mich vom ersten Moment an gepackt und bis zum Ende nicht mehr los gelassen.

Jenna Ortega tritt in große Fußstapfen, muss sich aber ganz gewiss nicht hinter Christina Ricci verstecken, die in den Filmen die Rolle der Wednesday geprägt hat und in der aktuellen Serie eine bedeutende Nebenrolle spielt.

Schauplatz ist die düstere Nevermore Academy, ein Internat für Außenseiter, zu denen unter anderem Werwölfe und Sirenen gehören. Für die Geschichte der Addams Family ist die Schule bedeutsam, denn hier haben sich einst Morticia und Gomez kennen und lieben gelernt.

Während der acht Folgen umfassenden ersten Staffel muss Wednesday nicht nur ihren Platz an der Academy finden, sie kommt auch einem Familiengeheimnis auf die Spur und macht sich daran, eine Serie mysteriöser Morde aufzuklären. Das alles ist von Anfang bis Ende ein morbider Spaß. Die Handschrift von Tim Burton, der die Serie produziert und bei vier Folgen zudem Regie geführt hat, ist deutlich zu spüren. Die Atmosphäre ist düster und unheimlich, der Humor tiefschwarz.

Nach einer langen Flaute im Serienbereich hat mir „Wednesday“ endlich wieder das beschert, was ich so lange vermisst habe: Das Gefühl, ganz in eine Serie eintauchen zu wollen, nach der nächsten Folge zu gieren und nicht aufhören zu können, bis die letzte Episode verschlungen ist.

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