Mia starrte abwechselnd den Schlüssel in ihrer Hand und das verlassene Gebäude vor sich an. Es war ein schmuckloser Betonbau ohne jeden Charme. Was hatte Alex sich nur dabei gedacht? Sie griff nach dem Brief, der an den Rändern schon zerfleddert und gewellt von Tränen war. Sie musste ihn noch einmal lesen, bevor sie bereit war, den nächsten Schritt zu gehen.

Liebe Mia,

wenn Du diesen Brief in Händen hältst, ist es vorbei, das Leiden, das Bangen und die Angst. Ich weiß, dass es Dir gerade schwerfällt, das so zu sehen, aber ich weiß auch, dass Du es irgendwann verstehen wirst. Dein Leben geht weiter, auch wenn das meine endet, und es wird wunderbar sein. Du glaubst mir das jetzt wahrscheinlich nicht, weil Du zu traurig dazu bist. Für eine Weile darfst Du das auch sein, aber dann musst Du nach vorne schauen. Meine größte Sorge ist, dass Du das nicht schaffst, dass Du Dich zu sehr in Deiner Trauer verfängst, Dich ihr ergibst.

Du fühlst so tief, so intensiv. Das habe ich immer am meisten an Dir geliebt, aber es birgt auch Gefahren. Daher glaube ich, dass Du, nachdem Du die ersten schweren Tage überstanden hast, eine Aufgabe brauchst. Du musst sie nicht gleich erfüllen, lass Dir ruhig ein wenig Zeit, aber auch nicht zu viel, sagen wir sieben Wochen. Sieben ist doch eine gute Zahl, findest Du nicht? Innerhalb dieser Zeitspanne kannst Du Dir erlauben, auf den richtigen Moment zu warten. Wenn Du dann immer noch nicht so weit bist, tu mir den Gefallen, gib Dir einen Ruck und zwing dich, egal ob Du Dich bereit fühlst oder nicht.

Aber Du weißt ja noch nicht einmal, um was es geht. Es wird Zeit, dass Du von meinem Abschiedsgeschenk erfährst. Ich habe das alte Hostel in der Schillerstraße 37 für Dich gekauft. Es steht schon eine Weile leer, aber die Bausubstanz ist gut, und ich denke, es bietet genug Potential, damit Du Dich austoben kannst. Es ist auf den ersten Blick vielleicht kein Schmuckstück, aber ich bin sicher, dass du etwas daraus machen kannst. Ob Du es dann verkaufst, wie wir es sonst immer getan haben, oder es behältst, um einen neuen Weg einzuschlagen, überlasse ich ganz Dir. Ich will nur, dass Du das Beste aus dem Gebäude herausholst, für mich, aber vor allem für Dich, damit Du siehst, dass Du immer noch Großartiges bewirken kannst, auch ohne mich. Zeige der Welt da draußen, was Du drauf hast! Mach mich stolz!

In Liebe
Alex

Mia faltete den Brief wieder zusammen und wischte sich mit dem Ärmel ihres Mantels über die feuchten Augen. Ja, sie würde Alex stolz machen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, woher sie die Kraft dafür nehmen sollte. Er kannte sie so gut, schon immer. Ohne diesen Brief hätte sie sich noch Monate zuhause verkrochen und jede Hand weggeschlagen, die sich ihr entgegenstreckte, um sie aus der Dunkelheit zu ziehen. Diesen Brief hingegen konnte sie nicht ignorieren. Sie war es Alex schuldig, ihm einen seiner letzten Wünsche zu erfüllen. Drei Tage noch, dann waren die sieben Wochen vorbei. Sie fühlte sich zwar immer noch nicht bereit, aber daran würde sich so schnell nichts ändern, und sie wollte das Ultimatum nicht gänzlich verstreichen lassen. Entschlossen steckte sie den Schlüssel ins Schloss, atmete tief durch und zog die Tür auf. Staub wirbelte durch die Luft und in ihre Nase. Mia nieste.

Neben der von Spinnweben überzogenen Rezeption befand sich eine einfache Bar. Ein Schild wies nach rechts zur Gemeinschaftsküche und zum Speisesaal, ein anderes nach links zu den Schlafsälen. Mia ging in Richtung der Zimmer. Hier unten gab es sieben davon, alle mit drei Stockbetten und einem Schrank mit sechs Münzschließfächern ausgestattet. Mehr gab es nicht, die Räume taugten wirklich nur zum Schlafen – wenn man Mia fragte nicht einmal dafür. Die sanitären Einrichtungen am Ende des Ganges waren funktional, je sieben Toiletten für die Männer und die Frauen, dazu ein Duschraum mit sieben Kabinen, die je über einen kleinen Vorraum verfügten, in dem man sich umziehen konnte. Mia zählte noch einmal nach. Sieben, Alex’ Lieblingszahl. Komisch, dass sie ihr hier überall begegnete, als Teil der Hausnummer und als Anzahl der Zimmer.

„Ach Alex, du fehlst mir so“, sagte sie leise und hoffte, dass er sie hören konnte, wo auch immer er jetzt war. Sie spürte, wie Tränen in ihr aufstiegen, ließ sie aber nicht hervorbrechen, dieses Mal nicht. Sie hatte schon genug geweint. Jetzt wollte sie nach vorne sehen, für Alex. Dazu musste sie beschäftigt bleiben, daher ging sie weiter durchs Treppenhaus in den ersten Stock. Den Aufzug ignorierte sie, den würde sie erst benutzen, wenn ihn jemand gründlich durchgecheckt hatte.

Die Zimmer hier waren nicht ganz so karg eingerichtet wie unten. Neben den Stockbetten und Schließfächern gab es auch Tische und Stühle und in jedem Raum ein eigenes Badezimmer. Mit einem frischen Anstrich, modernen Möbeln und ein paar passenden Wohnaccessoires konnten hier durchaus attraktive Micro-Apartments entstehen. Voll ausgestattete Wohnungen waren gefragt bei Menschen, die berufsbedingt oft umziehen müssen, das wusste Mia. Seit ein kleines Start-Up aus der Stadt zu einem großen Medienunternehmen herangewachsen war, gab es jede Menge Jobs, viele davon allerdings nur auf Zeit. Auch die Hochschule war inzwischen beliebt. Früher hatte sie als Provinz-Uni gegolten, an die man nur ging, wenn einen sonst keiner wollte, inzwischen war sie eine hochkarätige Talentschmiede.

Studenten brauchten bezahlbare Zimmer. Mias Gedanken wanderten wieder ins Erdgeschoss. Sieben Zimmer, sieben Duschen, und sogar doppelt so viel Toiletten. Was, wenn sie daraus eine Art große Wohngemeinschaft machte? Sie dachte zurück an ihre eigene WG-Zeit. Beim Gedanken an Haare im Abfluss und herumstehendes Geschirr, das kurz davor war, zu einem Biotop für Mikroorganismen zu mutieren, gruselte sie sich noch heute. Hier gab es aber genug Duschen, dass sie jedem Zimmer eine zuordnen konnte. Am besten machte sie es bei den Toiletten auch so, die übrigen konnten für Gäste offen bleiben. In der Gemeinschaftsküche konnten sich die WG-Bewohner treffen, in der Lobby und an der Bar die Gäste des ganzen Hauses. In anderen Städten waren solche Konzepte längst erfolgreich, warum nicht hier?

Helle Farben, ein schlichtes Design, Industriestil mit modernen Elementen, oder doch eher skandinavisch mit einer ordentlichen Portion Hygge-Feeling? Vielleicht beides? Sie konnte die Apartments so gestalten, dass sie individuell waren und dennoch zusammenpassten. Funktional mussten sie sein mit einer Einrichtung, die sich nicht so schnell abnutzte. Außerdem kam es auf die richtige Menge an Designelementen an. Zu wenig und die Bewohner kamen sich wie in einer seelenlosen Mietskaserne vor, zu viel und die Apartments waren nicht mehr massentauglich. Das mussten sie sein, wenn sie eine hohe Vermietungsquote erreichen wollte, und die war wichtig für potentielle Käufer und Investoren.

Je länger sie durch das Hostel ging, umso klarer wurde ihre Vision. Insgesamt gab es im ersten und zweiten Stockwerk 37 Zimmer, die sie zu Apartments umgestalten konnte, die Räume im Erdgeschoss nicht mitgerechnet. Irgendwie lustig, dass die Zahl der künftigen Wohnungen so gut zur Hausnummer passte. Mia ertappte sich dabei, wie sie lächelte. „Von da ist es nicht mehr weit bis zu einem Lachen.“ Alex’ Stimme in ihrem Kopf tat gut, obwohl sie wusste, dass es nicht wirklich er war, der mit ihr sprach.

„Du irrst dich“, antwortete sie ihm in Gedanken. „Ich mache das hier nicht ohne dich. Du hast den Grundstein gelegt, das hier ist unser gemeinsames Projekt.“
Fehlte nur noch ein passender Name.
„Aber bitte keine pseudokreativen Verrenkungen, okay?“ Mia wusste, wie sehr Alex Wortspiele in Unternehmensnamen verabscheute. „Jetzt mal ehrlich, die guten Beispiele kannst du an einer Hand abzählen, der Rest klingt doch albern.“ Das war seine Reaktion auf einen Artikel über ausgefallene Namen von Friseursalons und Ladengeschäften gewesen. Mia stimmte ihm zu, sie wollte keinen Namen, der laut „Da wollte aber jemand kreativ sein“ schrie. Leicht zu merken sollte er sein, passend und mit einem guten Klang.

Mia dachte an die Adresse, Schillerstraße 37. Das konnte kein Zufall sein. Sie erinnerte sich an die vielen Abende, an denen sie stundenlang geredet hatten, im Glas ein guter Wein und im Hintergrund leise Ambient-Musik, meist von Schiller. Ob sie je aufhören würde, die Gespräche mit ihm zu vermissen?

„Wie wär’s mit Schiller 37?“ Alex’ Stimme verschmolz in Mias Kopf mit der ihrigen. Der Name war perfekt. Andere würden darin nur eine Verkürzung der Adresse sehen, trotzdem wäre da die tiefere Bedeutung, die nur sie und Alex kannten. Sie schloss für einen Moment die Augen, spürte tief in sich hinein und nickte. Das Schiller 37 war geboren.

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