Simons Hände waren feucht, als er auf Ramonas Klingelknopf drückte. Er wischte sie grob an seiner Jeans ab und wartete auf das Surren des Türöffners. Sie müsse mit ihm reden, hatte sie geschrieben, und dass es schön wäre, wenn er vorbeikäme. Bestellte sie ihn etwa ein, um mit ihm Schluss zu machen? Das wäre ganz schön mies.

Auf dem letzten Treppenabsatz vor ihrer Wohnungstür hielt er inne und atmete tief durch. Wenn es zwischen ihnen beiden nicht funktionierte, war das kein Weltuntergang, so lange kannten sie sich noch nicht.
„Hey, schön, dass du da bist.“ Ramona umarmte ihn und küsste ihn flüchtig auf die Lippen. Das würde sie doch nicht tun, wenn sie sich von ihm trennen wollte, oder doch?
Simon folgte ihr in die Küche.
„Kaffee?“
„Gerne.“
Er wartete, bis das Dröhnen des Vollautomaten verklang, dann hielt er es nicht mehr aus.
„Worüber wolltest du reden?“
„Direkt wie immer.“ Ramona stellte eine Tasse vor ihm ab. „Das mag ich so an dir.“
Erneut unterbrachen die Geräusche der Maschine das Gespräch. Die Zeit schien sich endlos zu dehnen, bis Ramona sich endlich zu ihm setzte.
„Du weißt doch noch, was ich dir gesagt habe, als wir uns kennengelernt haben, oder?“
Simon seufzte. Wie hätte er das vergessen können?
„Und du weißt hoffentlich noch, was ich geantwortet habe.“
Sein Magen verkrampfte sich, und das lag sicher nicht daran, dass seine letzte Mahlzeit schon Stunden her war. Der Zeitpunkt sei ungünstig, hatte sie gesagt, und dass er sich besser nicht zu sehr auf sie einlassen solle, da sie eventuell bald einen neuen Job in einer anderen Stadt antreten würde. Jetzt war es offensichtlich so weit. Er freute sich für sie, wollte aber auf keinen Fall, dass es das Ende ihrer Beziehung bedeutete.

Ramona umklammerte ihre Tasse mit beiden Händen und sah ihn an. „Sicher, nur deshalb habe ich uns überhaupt eine Chance gegeben. Andere Typen hätten sich entweder gar nicht drauf eingelassen oder das Ganze von Anfang an als Beziehung mit Verfallsdatum betrachtet. Du bist anders.“
Gut, dass sie das erkannte. Er hatte ihr sofort gesagt, dass sie eine Lösung finden würden. Die Aussicht auf ihren möglichen Wegzug gefiel ihm zwar nicht, er sah darin aber kein Hindernis. Wenn sie zusammengehörten, würden sie das irgendwie schaffen, und wenn sie es nicht schafften, gehörten sie wohl nicht zusammen.
„Du glaubst doch auch, dass wir das hinbekommen können, oder? Glückwunsch übrigens.“
Ramona lächelte. „Danke, und ja, ich denke schon, aber leicht wird es nicht.“
Simon zuckte mit den Schultern. „Was ist schon leicht im Leben?“
„Nichts, was wirklich wichtig ist, schätze ich.“
„Eben.“ Simon trank einen großen Schluck. „Brauchst du bei irgendwas Hilfe, bei der Wohnungssuche oder so?“
Ramona schüttelte den Kopf. „Das ist fürs Erste schon geklärt. Mein neuer Boss hat mir nen Link zu nem möblierten Apartmenthaus geschickt. Die Mieten sind okay, daher werde ich da erst mal unterkommen, bis ich mich ein wenig eingelebt und die Probezeit überstanden habe.“

In Simons Kopf ratterte es. Er war selbständiger Webdesigner und arbeitete ohnehin nur von zuhause aus. Eine Fernbeziehung wäre eine große Belastung für sie beide, zumal sie die Phase des Kennenlernens noch nicht ganz hinter sich gelassen hatten.
„Was hältst du davon, wenn ich dich begleite?“ In dem Moment, in dem er es aussprach, verschwand die Unsicherheit, die er beim ersten Gedanken daran noch empfunden hatte.
„Die Wohnung ist nicht groß genug für zwei und so gern ich dich mag, fürs Zusammenziehen …“
„Halt, nein, so meinte ich das nicht.“ Sich nach wenigen Wochen Beziehung direkt eine Wohnung zu teilen erschien auch Simon übertrieben. „Ich hab nicht vor, gleich bei dir einzuziehen, aber wenn es dort möblierte Apartments gibt, könnte ich mir doch auch eins nehmen. Arbeiten kann ich, wo ich will, das wäre also kein Problem.“
„Das würdest du wirklich tun?“
„Klar, ist besser als sich nur an den Wochenenden zu sehen und Stunden im Auto oder Zug zu verbringen, oder nicht?“
„Schon, aber … So lange kennen wir uns nicht, und dann willst du meinetwegen gleich in eine andere Stadt ziehen? Ich weiß nicht …“
„Willst du mit mir zusammen sein?“
„Sicher will ich das, aber …“
„Kein Aber. Du willst mit mir zusammen sein, ich will mit dir zusammen sein, und das wäre doch eine Lösung, meinst du nicht?“
„Und wenn es nicht funktioniert?“
Daran wollte Simon zwar nicht denken, aber er wusste, dass Ramona nach einigen gescheiterten Partnerschaften vorsichtig geworden war. „Dann kann ich immer noch zurück. Ich hab nicht vor, gleich meine Wohnung zu kündigen oder so, aber ich verdiene recht gut, ein paar Monate Doppelmiete kann ich mir leisten. Danach wissen wir entweder, dass wir längerfristig zusammenbleiben wollen, oder ich packe meinen Krempel eben wieder ein und verschwinde. Du musst dich zu nichts verpflichtet fühlen. Ich will nur, dass wir uns weiterhin ne Chance geben. Wenn du mich irgendwann loshaben willst, musst du es nur sagen, dann hau ich ab, versprochen. Sieh es einfach als eine Art Probezeit an, okay?“

Simon konnte sehen, wie es in ihr arbeitete. War es ein Fehler gewesen, ihr zu sagen, dass er jederzeit zurück konnte? Manchmal war sie schwer einzuschätzen. Einerseits durfte er Ramona nicht zu sehr einengen, andererseits brauchte sie das Gefühl, dass er es ernst mit ihr meinte.
„Und du willst das wirklich durchziehen?“, fragte sie zögerlich.
„Auf jeden Fall!“
„In Ordnung, dann versuchen wir es.“

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