Clara starrte auf das leere Bett, das inmitten des Wohnzimmers stand. Bis vor wenigen Tagen hatte hier noch ihre Schwester gelegen – abgemagert, schwach und gezeichnet vom Krebs. Clara war ihr nicht von der Seite gewichen, nicht einmal während der Arbeit, die sie mit Hilfe eines verständnisvollen Chefs ins Home Office hatte verlagern können. Dafür war sie dankbar, denn wer hätte sich sonst um Dorothee kümmern sollen? Außer Clara hatte sie keine Familie, keinen Partner, nicht einmal nennenswerte Freunde. Dorothee war es schon immer schwergefallen, sich auf andere Menschen einzulassen.

Das Verhältnis zwischen den Schwestern war nie besonders innig gewesen. Sie hatten sporadisch miteinander Kontakt gehalten – Anrufe zum Geburtstag, Karten zu Weihnachten und ab und zu ein Treffen, vielleicht ein oder zweimal im Jahr. Häufiger wäre es für beide schwer zu ertragen gewesen, denn die Liste der gemeinsamen Themen war kurz und umso schneller abgearbeitet, wenn seit dem letzten Gespräch nur wenig Zeit vergangen war.

Die Krankheit hatte vieles geändert. Clara erinnerte sich gut daran, wie Dorothee vor ihrer Tür gestanden hatte, zitternd und mit verquollenem Gesicht. Ihre sonst so unerschütterliche Schwester so zu sehen, hatte sie schwer getroffen, trotz aller Distanz. Noch ehe sie gewusst hatte, was für die Angst und Verzweiflung in Dorothees Blick verantwortlich war, hatte Clara entschieden, ihr beizustehen, egal worum es ging und was dafür nötig war. An diesen Entschluss hatte sie sich gehalten, bis zuletzt.

Bei ihrem Einzug in Dorothees Wohnung hätte Clara es nicht für möglich gehalten, wie sehr sie ihre Schwester einmal vermissen würde. Sie hatte ihre Entscheidung aus Pflichtgefühl getroffen, weil sie eine Familie waren und weil Geschwister sich umeinander kümmern sollten, wenn es nötig war. Niemals hätte sie damit gerechnet, wie sehr sie beide zusammenwachsen würden, nicht ohne Wachstumsschmerzen, doch im vollen Bewusstsein, wie wenig Zeit ihnen blieb, um alte Differenzen auszuräumen und eine Brücke über die Kluft zwischen ihnen zu bauen. Clara war froh, dass es ihnen gelungen war, auch wenn der Schmerz dadurch um Welten stärker wurde.

Die Stille in der Wohnung übertönte sogar den Presslufthammer der Bauarbeiter vor dem Haus. Clara musste hier weg, nur wohin? Ihr Apartment hatte sie gekündigt, um sich die Miete zu sparen, nachdem sie bei Dorothee eingezogen war. Zu ihren vermeintlichen Freunden hatte sie den Kontakt verloren, nachdem sie nicht mehr für Verabredungen verfügbar gewesen war. Vielleicht ging sie erst einmal in ein Hotel, Hauptsache raus, irgendwohin, wo der Druck auf ihrer Brust ein wenig schwächer wurde.

Clara packte die nötigsten Sachen für zwei bis drei Nächte zusammen und ging nach draußen. Erst als sie vor der Haustür stand, wurde ihr bewusst, dass sie keine Ahnung hatte, wo das nächste Hotel war. In dieser Ecke der Stadt kannte sie sich nicht aus und für Erkundungstouren hatte sie keine Zeit gehabt, ihr Bewegungsradius war in den letzten Monaten auf den Umkreis von zehn Gehminuten zusammengeschrumpft.

Jetzt war sie draußen und nichts und niemand zwang sie, sich zu beeilen. Clara genoss es, die Sonne auf der Haut zu spüren und zu beobachten, wie der Wind die Blätter aufwirbelte, fast als würden sie tanzen. Kurz überlegte sie, ob sie sich von ihrem Handy zur nächsten Unterkunft navigieren lassen sollte, verwarf den Gedanken aber schnell. Stattdessen ging sie einfach los und ließ sich treiben. Mit jedem Schritt, den sie zwischen sich und Dorothees Wohnung brachte, fühlte sie sich ein wenig freier.

Als sie um die nächste Straßenecke bog, fiel ihr Blick auf ein Schild. „Schiller 37“ stand darauf. Aus der Ferne sah es aus wie ein Hotel, als Clara vor der Haustür stand, entdeckte sie jedoch die Briefkästen und Klingelschilder. Die meisten davon waren mit Nummern versehen, nur wenige mit Namen beschriftet. Ein Aushang neben der Tür verriet ihr, dass es sich um ein möbliertes Apartmenthaus handelte.

„Kann ich Ihnen helfen?“
Clara zuckte zusammen und drehte sich um.
„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Eine junge Frau, vielleicht Ende zwanzig oder Anfang dreißig, lächelte ihr freundlich zu.
„Mein Fehler, ich habe Sie nicht bemerkt.“
„Kenne ich gut, ich bin selbst manchmal so in Gedanken, dass ich vermutlich nicht mal den Weltuntergang mitbekommen würde.“ Sie deutete auf den Aushang. „Interessieren Sie sich für eine Wohnung hier?“
„Ich weiß nicht, vielleicht, keine Ahnung. Ich bin zufällig vorbeigekommen.“
„Wollen Sie es sich anschauen? Ich bin die Besitzerin, Mia Friedrichsen.“
Warum eigentlich nicht, was hatte sie schon zu verlieren?
„Clara Sommer. Und sehr gerne, wenn es Ihnen keine Umstände macht.“
„Gar nicht.“

Sie schüttelten einander die Hand, zum ersten Mal an diesem Tag. Ein zweites Mal folgte eine Stunde später, als Clara den Mietvertrag unterschrieb. Die Apartments hier waren zwar kein Zuhause für immer, aber ein Ort, an dem sie zur Ruhe kommen und Abstand gewinnen konnte. Das Schiller 37 war genau das, was sie im Moment brauchte. Noch am selben Abend zog sie ein.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner