Kira öffnete den Briefkasten und fischte einen einzelnen weißen Umschlag heraus. Ihr Puls beschleunigte sich, wie bei jedem Brief in den letzten Wochen. Wie lächerlich, bestimmt war es wieder nur eine Postwurfsendung oder irgendein langweiliges Schreiben an ihre Eltern. Gefühlte tausendmal war das Hereinholen der Post eine Enttäuschung gewesen, warum sollte es heute anders sein? Daher widerstand sie dem Drang, sofort auf das Adressfeld zu schauen, immerhin ganze drei Sekunden lang, dann hielt sie es nicht mehr aus. Da stand ihr Name, Kira Sommer, ganz eindeutig. Der Stempel in der linken oberen Ecke zeigte das Logo von Martobvan Gaming.

Ihre Hände zitterten, während sie den Umschlag aufriss. In wenigen Sekunden würde Kira erfahren, ob ihr Einsatz sich gelohnt hatte. Jede freie Minute hatte sie in den letzten Wochen geopfert und keine Stunde länger geschlafen, als unbedingt nötig war, um leistungsfähig zu bleiben. Dem Kaffeehandel hatte ihr Arbeitseifer gute Umsätze beschert, ob er sich für sie selbst bezahlt machte, würde sich jetzt zeigen.

Als sie auf die Ausschreibung gestoßen war, hatte sie sofort gewusst, dass sie es versuchen musste, sonst würde sie es für den Rest ihres Lebens bereuen. Martobvan Gaming bot drei Abiturienten die Chance auf einen dualen Studienplatz im Gamedesign. Die Unterkunft wurde kostenlos gestellt, außerdem bekam jeder 700 Euro im Monat. Für Kira war das unvorstellbar viel Geld. Damit würde sie locker über die Runden kommen, zumal sie davon keine Miete abdrücken musste. Der Verdienst war aber nur der Bonus, in erster Linie reizte sie die Herausforderung, für Martobvan zu arbeiten. Aus dem kleinen Start-up, gegründet von den namensgebenden Freunden Marvin, Tobias und Vanessa, war innerhalb weniger Jahre ein erfolgreiches Gaming-Unternehmen geworden. Ein Teil davon sein zu können, erschien Kira wie ein Traum, und sie war bereit, alles dafür zu tun, ihn leben zu dürfen.

Wer einen der begehrten Plätze haben wollte, musste ein umfangreiches Spielekonzept erstellen. Aus allen Einsendungen wählte eine Jury aus den drei Gründern, einem Blogger, einem Fachjournalisten, einem Gaming-Youtuber und drei leidenschaftlichen Gamern die Gewinner aus. Kira wusste, dass ihre Idee gut war, sehr gut sogar, rechnete aber mit harter Konkurrenz. Sie hatte sich reingehängt, die Spiele von Martobvan analysiert, die wesentlichen Elemente herausgearbeitet und mit ihren eigenen Ideen verbunden. Unzählige Entwürfe waren in den virtuellen Papierkorb gewandert, bis sie endlich die richtige Grundlage für ihr Konzept gefunden hatte, ein atmosphärisch dichtes Mystery-Adventure mit Fokus auf Charakterbildung und Storytelling. Bis zur letzten Minute hatte sie daran gefeilt und die Deadline gerade noch eingehalten. Falls sie scheiterte, wusste sie zumindest, dass sie ihr Bestes gegeben hatte, der Rest lag nicht mehr in ihrer Hand.

Kira zog den Brief aus dem Umschlag, traute sich aber nicht, ihn zu lesen. Gleich würde sie entweder das glücklichste Mädchen der Welt oder am Boden zerstört sein. Falls sie gescheitert war, wollte sie es nicht wissen, noch nicht. Sie hatte zwar versucht, sich auf eine Absage vorzubereiten, ihre Hoffnungen zu dämpfen und realistisch zu sein, trotzdem fühlte Kira sich in diesem Moment, als hinge ihr gesamtes Schicksal vom Inhalt dieses Schreibens ab.

Sie stellte sich vor den Spiegel der Flurgarderobe und sah sich fest in die Augen.
„Sei verdammt nochmal kein so erbärmlicher Feigling!“
Entschlossen entfaltete sie den Brief und las.
„Oh mein Gott.“
Das Papier entglitt ihren Händen und segelte zu Boden.
„Ich hab es geschafft, ich habe es wirklich geschafft!“ Kira hob den Brief auf und las ihn erneut, erst leise, dann laut, glauben konnte sie es trotzdem nicht. Sie, die Außenseiterin, über die so viele spotteten – manche hinter vorgehaltener Hand, andere ganz offen – hatte sich gegen hunderte von Bewerbern durchgesetzt und stand am Anfang ihrer Traumkarriere. Jetzt würden sie nicht mehr über sie lachen. Okay, wahrscheinlich doch, aber das war ihr egal, denn zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie einen Plan für die Zukunft.

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