Caro schloss die Wohnungstür auf und stutzte. Der fensterlose Flur war nicht so düster wie sonst, sondern vom sanften Schein unzähliger Teelichter beleuchtet. Sie standen lose auf dem Boden, sie musste also vorsichtig sein, sonst stand bald die gesamte Wohnung in Flammen. Das würde Tim sicher nicht gefallen.

Ihre Freundinnen beneideten Caro um seinen Hang romantischen Gesten, sie selbst konnte damit nicht viel anfangen, würdigte aber den Gedanken dahinter. Wenn Tim seine Liebe unbedingt auf diese Weise zeigen wollte, würde sie ihn nicht davon abhalten. Warum sollte sie ihm die Freude daran verderben, nur weil sie in dieser Hinsicht anders gestrickt war als er?

Die Unmengen an Rosenblättern auf dem Boden wirkten übertrieben, selbst für Tims Verhältnisse. Caro atmete tief durch und folgte dem Pfad aus Blüten in Richtung Schlafzimmer. Wenn ihr Freund sie auf diese Weise verführen wollte, hatte sie nichts dagegen. Zwischen ihnen war viel zu viel Routine eingekehrt. Caro hätte sie zwar lieber auf eine weniger kitschige Art durchbrochen, aber ihr war derzeit alles recht, was ein wenig Abwechslung zum tristen Alltag bot.

Tim saß auf der Bettkante, lächelte ihr entgegen und stand auf.
„Wie schön, dass du da bist, ich habe dich schon sehnsüchtig erwartet.“
Caro konnte immer noch nicht glauben, dass es im echten Leben Männer gab, die redeten, als wären sie einem Liebesroman entsprungen. Das war süß, aber irgendwie schräg. Überhaupt war Tim in vielen Dingen ganz anders als sie, doch sie ergänzten sich gut. Anfangs hatten ihre gemeinsamen Freunde ihnen höchstens drei Monate gegeben, jetzt – über drei Jahre später – galten sie als das perfekte Paar.

Trotzdem fragte Caro sich manchmal, warum Tim ausgerechnet mit einer Pragmatikerin wie ihr zusammen sein wollte. Seine Antwort auf die Frage kannte sie: Mit einer Frau, die ebenso romantisch veranlagt war wie er, würde er gnadenlos im Kitsch ertrinken und eingehüllt in rosarote Wolken untergehen. Er brauchte jemanden an seiner Seite, der bodenständig war und einen Blick für die Realitäten des Lebens hatte.

„Ich liebe dich so sehr!“ Tim sank vor ihr auf ein Knie.
Caros Puls beschleunigte sich, während sie beobachtete, wie er einen Ring aus seiner Hosentasche zog.
„Wir sind jetzt schon so lange ein Paar und wir funktionieren super zusammen. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals einer Frau zu begegnen, mit der ich den Rest meines Lebens lieber verbringen würde als mit dir. Daher stelle ich dir nun die Frage aller Fragen: Willst du mich heiraten?“

Caro malte sich aus, wie sie gemeinsam vor dem Altar stehen, einander Ringe an die Finger stecken, auf eine Südseeinsel fliegen, Cocktails schlürfen, braungebrannt und vor Glück strahlend nach Hause zurückkehren, sich ein hübsches kleines Haus mit Garten in der Vorstadt kaufen und dort zwei entzückende Kinder großziehen würden, einen Jungen und ein Mädchen. Je lebhafter die Bilder wurden, umso heftiger pochte ihr Herz. Es flüsterte ihr die Antwort nicht nur zu, es schrie sie ihr lautstark entgegen.

„Ich kann das nicht, es tut mir leid.“ Was sie sich in den Sekunden nach seinem Antrag ausgemalt hatte, war Tims Traum, nicht der ihre. Das Leben, das er sich wünschte, war nicht das, was sie führen wollte.

Noch vor einer Viertelstunde hatte sie geglaubt, dass Tim ihre Beziehung genauso sah wie sie, als eine Partnerschaft auf Zeit, an der sie beide so lange festhielten, wie sie sich richtig anfühlte, die aber nicht auf die Ewigkeit ausgerichtet war. Sicher, sie lebten zusammen, aber die Entscheidung dafür war aus der Not geboren worden, weil Caro nach ihrer Eigenbedarfskündigung nicht rechtzeitig eine neue Wohnung gefunden hatte. Es war von Anfang an als vorübergehendes Arrangement gedacht gewesen, niemals als Beginn einer lebenslangen Verpflichtung.

Tim zuckte bei ihren Worten zusammen. „Was? … Wieso?“, stammelte er, während er sich hochrappelte. „Hab ich was falsch gemacht?“
Caro schüttelte den Kopf. „Nein, das hast du nicht. Daran liegt es nicht.“
„Woran liegt es dann?“
„Das ist nicht so leicht zu erklären.“
„Versuch es! Das ist wohl das Mindeste, was ich verdient habe, findest du nicht?“
Er hatte recht. Sie schuldete ihm eine Erklärung, egal wie schwer es ihr fiel, ihre Gefühle in Worte zu fassen.
„Wir funktionieren gut zusammen, das stimmt, für den Moment. Ich mag uns als Paar, für jetzt, aber nicht für immer. Das fühlt sich einfach nicht richtig an.“
Mehr fiel ihr für den Moment nicht ein. Auch Tim fehlten die Worte. Mehrmals setzte er zum Sprechen an, schüttelte kaum merklich den Kopf und schwieg weiter.
„Ich sollte wohl gehen“, sagte Caro, gefühlte Stunden später.
„Das solltest du wohl.“
Seine Stimme klang gebrochen und seltsam fremd. Caro hasste sich dafür, ihm das Herz zu brechen, wusste aber zugleich, dass es die richtige Entscheidung war. Wenn der erste Schmerz verflogen war, würde auch Tim das verstehen, vielleicht nicht heute oder morgen, aber sicher irgendwann.

Caro eilte durch den Flur und ließ die Wohnungstür von außen ins Schloss fallen. Auf dem Weg durchs Treppenhaus hinterließ sie eine Spur aus Rosenblättern, die an ihrer Schuhsohle hängengeblieben waren. Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie hatte in Tim zwar nie den Mann fürs Leben gesehen, dennoch tat es weh, sich von ihm zu trennen, weitaus mehr als erwartet.

Im Auto holte sie ein Päckchen Taschentücher aus dem Handschuhfach und trocknete ihr Gesicht. In schwierigen Situationen war es wichtig, so schnell wie möglich alles zu regeln, was geregelt werden musste. Im Moment stand die Suche nach einer neuen Bleibe ganz oben auf der Liste. Hatte in der Nähe nicht ein neues Apartmenthaus aufgemacht, irgendwas mit Goethe oder so? Caro griff nach ihrem Handy und googelte.

Nicht Goethe, Schiller, na immerhin nah dran. Sie sah sich kurz die Bilder der Apartments an und ging dann auf die Buchungsseite. Die Wohnungen waren zwar nur für den vorübergehenden Gebrauch gedacht, nach einem dauerhaften Zuhause konnte sie aber später immer noch suchen. Jetzt ging es nur darum, eine schnelle Lösung zu finden, dafür war das Schiller 37 perfekt.

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